Unternehmen 4.0 – wie wandelt sich die Arbeitswelt bis 2020?

Wenn man den (radikalen) Wandel in der Arbeitswelt verstehen und mitgestalten will, dann sollte man immer wieder über den Tellerrand blicken und sich mit Experten und Praktikern über die Veränderungen austauschen, um sie für sich greifbar zu machen und sich in seinem Tätigkeitsfeld zu verorten. Ganz nach diesem Motto trafen wir uns Anfang November beim übergreifenden DNUG Social Collaboration-Fachgruppentag im 24. Stock des Ostdeutschen Sparkassenverbandes in Berlin, um uns über Trends und Fragestellungen auf dem Weg zum digitalen Arbeitsplatz auszutauschen.

Location-OSV-1 Location-OSV-2

Was mich begeistert hat war nicht nur die tolle Location mit einer Aussicht, die von Beginn an den Blick auf die Dinge mehr als nur symbolisch enorm weitete. Es war auch die gelungene Mischung der „Teilgeber“-Gruppen an diesem Tag vom Unternehmer, Mitarbeiter und IT-Berater, die sich im Berufsalltag unmittelbar mit der Digitalisierung auseinandersetzen müssen, bis hin zum studentischen Nachwuchs der TU Ilmenau, Uni Berlin und YoungDNUG, die gerade in diese Arbeitswelt hineinwachsen, in ihrem Privatleben ganz selbstverständlich mit Social Media umgehen und dies nun zum ersten Mal in ein professionelles Umfeld übertragen müssen.

Und auch wenn die Zahl der etwa 40 Teilgeber/-innen sicherlich für kommende Events noch ausbaufähig ist, war es aus meiner Sicht bereits die passende Größendimension für einen produktiven „Think Tank“ aller Beteiligten.

Während der Vormittag eher durch klassischen Input über Impulsvorträge von Experten ausgestaltet wurde, war der Nachmittag durch den kollaborativen Austausch an drei Thementischen im World Café-Format geprägt. Das Programm gibt es nachfolgend noch einmal kurz zum Nachschauen oder hier auch zum Lesen:

Der Tag selbst war so inhaltsreich und vollgepackt, dass ich leider hier nicht auf alle erlebten Dinge eingehen kann. Aber ich möchte zwei Elemente etwas näher beleuchten, die mir von diesem Tag nach gut einer Woche am prägendsten in Erinnerung geblieben sind:

  1. Der Keynote-Vortrag von Anja C. Wagner (@acwagner alias FrolleinFlow), die als Bildungsquerulantin und Gründerin des FlowCampus-Instituts immer wieder Trends des „New Way of Work“ aufspürt, war für mich besonders beeindruckend. Und ganz passend zur ARD- Themenwoche Zukunft der Arbeit habe ich so viele neue Impulse über eine vermeintliche Berufswelt 4.0 mitnehmen können. Die nachfolgende Zusammenfassung entstand in Zusammenarbeit mit den beiden TU Ilmenau-Studierenden Micha Kodalle und Jonas Weinen:
Keynote Dr. Anja C. Wagner
Keynote von Dr. Anja C. Wagner

In der Keynote wurden fünf Haupt-Thesen als Gründe dargestellt, warum 2020 in Unternehmen kein Stein mehr auf dem anderen stehen wird. Zu diesen Gründen zählt zum einen die Globalisierung mit dem Internet als verbindende Komponente, welche die Tech-Konzerne Facebook, Google & Co. inzwischen über Projekte wie Loon, Titan Aerospace oder Aquila auch in die abgelegensten Gebiete der Welt tragen werden.
Zum anderen spielt die Automatisierung eine entscheidende Rolle, durch die eine neue Flexibilität entsteht und die Fragen aufwirft, wie man Berufe mit Robotern sinnvoll kombinieren kann, z.B. durch die Erschaffung von neuen Arbeitsvorgängen oder gar neuen Berufen, die Nutzung von Automateninseln, um dem Menschen die körperliche Arbeit zu erleichtern von Big Data-Analysen, kognitiven Assistenten und dem Internet der Dinge bis hin zu selbstfahrenden Autos, dem Hyperloop für optimierte Transportwege und der solargesteuerten Dachziegel, die Elon Musk dieser Tage maßgeblich mit prägt.

DNUG Fachtags-TeilnehmerDer dritte und vierte Grund wird durch die massiven Veränderungen der Bedürfnisse an eine zukünftige Arbeitskultur und -organisation in Unternehmen ausgelöst. Denn die sogenannte Generation Z möchte zunehmend selbstorganisiert und auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Arbeitsmodelle des Coworking oder der Makerspaces, weltweit verteiltes Arbeiten ohne festes Büro und mit flexiblen Arbeitszeiten, wie beispielsweise bei Automattic (den WordPress-Gründern) sowie neue Konzepte der Holacracy oder WeQ werden derzeit intensiv diskutiert und schon bald vermehrt Einzug halten. Social Software-Systeme und -Tools, die kollaboratives Arbeiten in Teams fördern, erobern die Unternehmenswelt derzeit schon im Sturm und führen damit zu gravierenden Veränderungen in täglichen Arbeitsprozessen und internen Abläufen.

Und schließlich bleibt als fünfter Grund eine sich massiv wandelnde Bildungsaneignung festzuhalten – auch (Weiter-)Bildung 4.0 genannt. Schließlich besteht inzwischen eine starke Kluft zwischen dem von Unternehmen geforderten kompetenten Handeln in komplexen Problemsituationen und den an Schulen bzw. Hochschulen erworbenen Fertigkeiten, was die Bedeutung von Abschlüssen oder Benotungen sinken lässt. Stärker visuell orientiertes Lernen über YouTube und Co. sowie selbstorganisiertes Lernen in MOOCs und rein KI-getriebenes „Deep Learning“ zur menschlichen Unterstützung sind weitere Trends, die diesen Wandel befeuern. Das alles birgt sicherlich nicht nur Chancen sondern auch einige Herausforderungen und ich bin schon besonders gespannt auf den Leuchtfeuer 4.0-MOOC, der im kommenden Frühjahr zu diesem Thema von Anja über den FlowCampus am Ende der Keynote angekündigt wurde!

Berufswelt 4.0

  1. Einen der Thementische am nachmittag durfte ich dann mit Anja zusammen ausgestalten. Dabei ging es um das zentrale Thema „Social Working und Arbeitsplatz der Zukunft“ und nach den drei Runden in Gruppen von jeweils 30 Minuten hatten wir eine Tischdecke voller Ideen und Eindrücke der Teilgeber, die uns fast überwältigten.

Dabei bauten die drei Runden aufeinander auf und es war dann unsere Herausforderung in der Ergebnisgalerie die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Teilgeber-Kreis zusammenzufassen.

Download (PDF, 47KB)

Der Studierende Dominik Lasse, aus dem Team der TU Ilmenau hat dieses anhand unserer entwickelten Fragestellungen (siehe PDF) sehr anschaulich getan und ich möchte daher ein paar Auszüge seiner Einschätzung hier veröffentlichen:

Worldcafé-Tischfoto3
Ausschnitt einer Thementischdecke

„Die erste Gruppe beschäftigte sich zunächst damit, wie realistisch die prognostizierenden Veränderungen in der Arbeitswelt sind […]. Als Ergebnis dieser Frage kann man festhalten, dass ein Wandel definitiv kommen wird, wichtiger ist jedoch, dass es schnell passiert, um nicht den Anschluss zu verlieren. […Der genaue Zeitpunkt, bis wann sich der Wandel definitiv vollzieht, war für die Teilnehmer nach jetzigem Stand aber nicht vorhersehbar.]
Darauf aufbauend wurde die Frage nach den größten Herausforderungen bei diesen Veränderungen gestellt. Angst vor den neuen bzw. Beharren auf alten, eingelebten Strukturen war der erste Gedanke der Teilnehmer. Einig war man sich zudem, dass die Führungskräfte der Unternehmen den Prozess erheblich bremsen und in dieser Hinsicht viele Absprachen getroffen werden müssen. Entscheidende Punkte waren hier, dass global gedacht und gehandelt wird und die Bedenkenträger erreicht und überzeugt werden. Nur so haben Veränderungen auf lange Sicht Erfolg.

Nach dieser ersten Runde wurde rotiert und die Fragen am Thementisch wurden spezifischer. Weiter ging es mit der Frage danach, wie Technik beim Wandel helfen kann. Ergebnis dieser Frage: Die Technik kann in vielerlei Hinsicht helfen. Beispiele sind z.B. das Dokumentieren von Gesprächen, Meetings, Versammlungen usw., Überwindung von Sprachbarrieren (Echt-Zeit-Übersetzung) und die Fehlerminimierung im Allgemeinen.
Nun wurde gefragt, wie genau der Arbeitsplatz der Zukunft aussehen wird. Viele verschiedene Ideen, die alle in dieselbe Richtung gingen: Arbeiten wird nicht mehr wie bisher stattfinden. Zunächst kam die Frage auf, ob es überhaupt noch einen festen Arbeitsplatz oder gar einen Chef geben wird. Die Arbeit muss/wird bedarfsgerecht und flexibel sein und ein Büro könnte nicht mehr zwingend erforderlich sein. Hier kamen wir auch ganz schnell zum Thema künstliche Intelligenz. Diese könnte entscheidende Prozesse übernehmen, wie bspw. das Einstellen von neuen Mitarbeitern. Bedenken gab es dann aber auch zu den moralischen und ethischen Fähigkeiten einer solchen KI.

Ergebnisgalerie
Ergebnisgalerie zum Abschluss des World Cafés

Die letzte Gruppe startete mit der Frage nach den persönlichen Eigenschaften, die man mitbringen muss, um mit dem Arbeitsplatz der Zukunft zurecht zu kommen. Drei große Begriffe waren dabei Selbstdisziplin, Zuverlässigkeit und Vertrauen. Auch als besonders wichtig empfunden wurde der soziale Austausch bzw. die Kommunikation [… damit die Nähe zu den anderen Kollegen/-innen nicht verlorengeht]. Durch die flexible Gestaltung des Arbeitsplatzes ist es wichtig, dass man Arbeits- und Privatleben [noch sinnvoll und gesund voneinander] trennen kann.
Zum Schluss noch die spannende Frage, was wir uns vom Arbeitsplatz der Zukunft aus jetzigem Standpunkt erhoffen. Viele wünschen sich einen unternehmensinternen Ratgeber [a la Erklär-Bär], da so wesentlich zeiteffizienter gearbeitet werden könnte. In Anbetracht der oben genannten Punkte würde ein Work-Life-Balance-Assistant vor Überarbeitung schützen können. Auch wäre es wünschenswert, wenn die künstliche Intelligenz Ideen direkt visualisieren [und in Grafiken oder Diagramme einer Präsentation überführen] könnte. […]

Abschließend kann man sagen, dass sich alle einig sind, dass ein drastischer Wandel am Arbeitsplatz unaufhaltsam näher rückt. Keiner weiß genau, wann und in welchem Ausmaß. Klar ist jedoch, dass künstliche Intelligenz und bedarfsgerechtes Arbeiten die Arbeit erleichtern werden.“

——————

Ich hoffe sehr, wir können diesen inspirierenden Tag schon bald wiederholen und ich danke den DNUG-Organisatoren für die Unterstützung, Anja für ihren ganztägigen Einsatz, den Fachgruppen-Kollegen Henning, Jan, Jörg, Ralf, Thomas und Arnd für die Mithilfe bei Organisation und Ausgestaltung sowie allen weiteren Beteiligten und vor allem den Studierenden für die tolle Mitarbeit und die zusammenfassenden Blogbeiträge, die für mich sehr hilfreich waren! Let´s stay connected 🙂


Alle verwendeten Fotos sind Teil dieses Flickr-Sets und unterliegen dem Copyright des DNUG e.V. bzw. dem Vorstandsmitglied Jörg Rafflenbeul. Die Keynote-Folie und Thementisch-Fotos wurden mit freundlicher Genehmigung von Dr. Anja Wagner zur Verfügung gestellt.

One thought on “Unternehmen 4.0 – wie wandelt sich die Arbeitswelt bis 2020?

  1. Sehr interessant – greifen doch die Erkenntnisse wiederum zwei Aspekte auf, die ich schon im Arktikel “Work-Life Balance – wie bringe ich alles unter einen Hut” aus eignener Erfahrung erwähnt habe 😀 :
    1. Technik kann helfen bei einem flexiblen Arbeitsplatz
    2. persönliche Voraussetzungen

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *